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Urpferd

Das berühmte „Urpferd“ aus Mitteldeutschland

Abb. 10 (Oben):
Übersichtskarte der Fossilienfundstätte Urpferd, Bearbeitung: Julita Jankowska-Barrot

Quelle:
F.Bettenstadt u.a., Übersichtskarte der Fossilfundstellen auf den Braunkohlengruben des mittleren Geiseltals.
In: Der heutige Stand der Geiseltalforschung, die Gliederung des Kohlenprofils der Gruben Cecilie und Leonhardt und die Horizontierung der Wirbeltierfunde, Halle 1935


Abb. 11 (Unten):
Rekonstruiertes Lebensbild einer Urpferdherde (Propa- laeotherium), Originalaquarell: P. Major, Archiv Geiseltal- sammlung/ZNS


Die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg unterhielt von 1934 bis 2011 das Geiseltalmuseum mit der Geiseltalsamm-
lung. Hier wurden vorrangig Vertebratenfunde [ Wirbeltier funde, Red.] aus der ehemaligen „Braunkohlenlagerstätte Geiseltal“ bzw. aus der „Fossillagerstätte Geiseltal“ ausgestellt und verwahrt. Das bekannteste Fundstück der Geiseltalsamm- lung ist das nahezu vollständig artikulierte und in Fundlage erhaltene „Urpferd“.


Es ist hier in einer originalgetreuen Kopie zu sehen. Durch eine Stauchung in der Körperlängsachse, die nach dem Tode auf die Tierleiche eingewirkt hat, ist das Erscheinungsbild für den Betrachter mehr oder weniger verzerrt und deshalb in seinem natürlichen Körperbau nur eingeschränkt vorstellbar. In der gezeichneten Abbildung ist es in seinem natürlichen Habitus (Seitenansicht) rekonstruierten Habitus [also dem äußeren Wesen des Organismus, Red.] zu sehen.

Rekonstruktion des Habitus

Um eine bessere Vorstellung von der körperlichen Gestalt derartiger früher pferdeartiger Säugetiere zu vermitteln, wurde eine dreidimensionale Ske- lettrekonstruktion dieses Objektes von Dr. Meinolf Hellmund & Christoph Koehn erarbeitet. Der außergewöhnliche, meist dreidimensionale Erhal- tungszustand des fossilen Knochenmaterials aus dem eozänen Geiseltal (ca. 50 Millionen Jahre vor heute) beförderte dieses Projekt. Die Skelettre- konstruktion, auf der die gezeichnete Silhouette beruht, wurde in natürlicher Größe ausgeführt. Dabei handelt es sich um ein ausgewachsenes, weib- liches Individuum von Propalaeotherium hassiacum HAUPT, der größten im Geiseltal vorkommenden„Urpferd“-Art. Die Schulterhöhe beträgt etwa 40 cm, die Körperlänge ca. 90 cm.

Abb. 13:
Silhouette zur Darstellung des Habitus von Propalaeotherium, seitlich von links, Zeichnung: W. Hellmund

 

 

Charakteristische Merkmale :

 

• der mehr oder weniger dreieckig umrissene Schädel

• das Laubäsergebiss, bestehend aus Höckern in
Kombination mit Schneidekanten

• der kurze, aufrechte Hals

• der keilförmige Brustkorb

• der hochgewölbte Rücken (Kruppe)

• die jeweilige Vierfingrigkeit vorne und die jeweilige
Dreizehigkeit hinten

• im Erwachsenenalter die Größe eine Deutschen
Schäferhundes erreichend

An dem rekonstruierten Skelett sind über 200 Ein-
zelknochen beteiligt, die von zahlreichen verschie- denen Individuen her stammen. Zu diesem Zweck wurden zum Beispiel unvollständige Gelenke oder auch ganze Spiegelbilder von Knochen für die je- weils andere Körperseite erarbeitet. Die Einbezie- hung von Einzelfunden und artikulierten Skeletten aus der Grube Messel bei Frankfurt am Main, die in der Regel zweidimensional vorliegen, ermög- lichten Ergänzungen und gestatteten zusätzliche Detailvergleiche. Die definitive Montage wurde aus dynamischen Erwägungen in Schrittstellung vor- genommen. Bei den „Knochen“ handelt es sich um Kopien der Originale, die aus Epoxidharz hergestellt wurden.

 

Weitere Anhaltspunkte für den Aufbau des Skelettes von Propalaeotherium hassiacum ergaben sich aus der Körperhaltung fossiler Urpferd-„Wasserleichen“ und aus Analogien zur Körperform rezenter afri- kanischer Ducker (Paarhufer) und deren Lebens- weise. Der sich aus der Rekonstruktion des Skelet- tes ergebende Habitus weist typische Merkmale von vorwiegend im Urwalddickicht lebenden, soge- nannten Buschschlüpfern auf. Darauf deuten bei der Gattung Propalaeotherium der bogenförmige, leicht überbaute Rücken (Kruppe), der kurze Hals und der keilförmige Brustkorb hin. Es bestehen also morphologische Parallelitäten in den Bauplänen des primitiven Unpaarhufers Propalaeotherium und dem heutzutage in Westafrika lebenden Paarhufer Cephalophus zebra (Zebraducker).


Ein solcher Habitus ermöglicht und begünstigt die Fortbewegung und Lebensweise in dichter Vegetation, also an
waldartigen (trockeneren) Standorten. Demzufolge dürften die Urpferde sich zumindest teilweise in derartigen Dickichtzonen aufgehalten haben. Andererseits erlaubte der vielstrahlige Bau der Autopodien vorne („Hände“) bzw. hinten („Füße“) auch eine trittsichere Fortbewegung in einer offeneren Landschaft, auf anmoorigem bis sumpfigem, also weicherem Substrat (z. B. an Tränkestellen, vgl. hierzu das Lebensbild, Abb. 11).
 

 

 


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